Christof Rasche und Michael Mronz - Olympia 2032 in Nordrhein-Westfalen

Olympia ist Chance für NRW

04.02.2020

Über die Chancen Olympischer und Paralympischer Spiele für NRW sprechen Michael Mronz, Initiator von Rhein Ruhr City 2032, und Christof Rasche, Vorsitzender der FDP-Landtagsfraktion, in liberal.nrw.

Bewerbungen für Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland standen in den vergangenen Jahren unter einem schlechten Stern. Woher kommt Ihr Antrieb, dennoch die Idee für Rhein Ruhr City 2032 voran zu treiben?

Mronz: Durch Olympische und Paralympische Spiele an Rhein und Ruhr haben wir die große Chance, essenzielle Zukunftsthemen voranzutreiben, mit 2032 als Zieldatum. Dazu gehören unter anderem die Herausforderungen der vernetzten Mobilität und Digitalisierung. Ich bin überzeugt, dass diese Themen nur als Region zu beantworten sind. Olympia kann dafür eine Klammer und ein starker Motor sein. Mit Rhein Ruhr City ist es uns bereits gelungen, ein Wir-Denken in der Region zu erschaffen. Dieses gilt es nun, sinnvoll für andere Dinge zu nutzen. Ein Beispiel: Wenn man das Schienennetz digitalisiert, kann man im öffentlichen Fernverkehr 40 Prozent mehr Auslastung anbieten, 20 Prozent im öffentlichen Nahverkehr, ohne einen Kilometer Schiene neu zu bauen. Dadurch kann die Taktung entsprechend erhöht werden. Zum anderen können wir den Sport wieder mehr in den Mittelpunkt rücken. Er hat wichtige gesellschaftliche Aufgaben, die es zu stärken gilt. Stichworte Bewegungsarmut, Inklusion, soziales Miteinander und Integration. Daher ist es sehr zu begrüßen, dass die Landesregierung 300 Millionen Euro für moderne Sportstätten bis 2022 zur Verfügung stellt.

Herr Rasche, wie haben Sie reagiert, als Sie das erste Mal von der Idee gehört haben?

Rasche: Ich fand die Idee mutig und visionär. Das ist eine tolle Chance für NRW, sich als Gastgeber für die Athletinnen und Athleten aus aller Welt zu präsentieren. In unserem sportbegeisterten Land halte ich Olympische und Paralympische Spiele für sehr erfolgsversprechende Ideen. Dazu kommen die positiven Effekte auf den Breitensport und die Verkehrsinfrastruktur. Ein klug geplantes Olympisches Dorf kann auch Druck vom Wohnungsmarkt nehmen.

Was macht die Rhein Ruhr Region aus Ihrer Sicht zu einem aussichtsreichen Austragungsort?

Mronz: 90% der benötigten Sportstätten für die Spiele sind bereits heute an Rhein und Ruhr vorhanden. Wir können Basketball, Handball, Volleyball, Schwimmen, Hockey oder Reiten vor 40.000 bis 50.000 Zuschauern präsentieren, ohne neu zu bauen. Dazu kommen 700.000 m² Messeflächen für die zahlreichen Indoorsportarten und 115.000 Hotelbetten, das ist einzigartig in Europa. Der Radius der Sportstätten in den 14 Kommunen beträgt 63 km. Zum Vergleich: in L.A., wo die Spiele 2028 stattfinden werden, beträgt der Radius 62 km. Auch international haben wir ein starkes Argument: Im Umkreis von 600 km erreichen wir 220 Millionen Menschen. In Brisbane, das auch mit einem Regionenkonzept für die Spiele 2032 wirbt, sind es zehn Millionen Menschen. 

Rasche: Ich begrüße, dass das IOC sich für das Regionenkonzept geöffnet hat. Das bietet Möglichkeiten für so tolle Regionen wie unser NRW. Durch die vielen vorhandenen Sportstätten und die grundsätzlich gute Infrastruktur können hier beispielhafte Spiele durchgeführt werden. Das Risiko, nach Olympia leerstehende Mega-Arenen zu haben, gibt es hier nicht. Und der Bezug der Menschen zum Sport ist hier immens. Nirgendwo findet in NRW so viel ehrenamtliches Engagement statt wie im Sport. Der Sport verbindet die Menschen an Rhein und Ruhr von Dortmund bis Köln und Aachen bis Münster – auch wenn bei der Frage nach der richtigen Mannschaft die Meinungen auseinander gehen.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Hürden?

Mronz: Wir verstehen uns als Initiative aus der Mitte der Gesellschaft heraus, als Angebot an die Politik und Sportpolitik. Wir machen weiter unsere Hausaufgaben, Schritt für Schritt. In diesem Jahr gilt es, die Themen Budget, Leichtathletik-Stadion, Pressezentrum und Olympisches Dorf zu erarbeiten. Wir haben die Bürgerinnen und Bürger von Beginn an mitgenommen und allein 2019 in über 80 Dialogveranstaltungen ihre konstruktive Kritik in unser Konzept aufgenommen, denn nur so können wir immer besser werden. Die Menschen, die hier leben und sich fragen „Was habe ich davon?“, gilt es mitzunehmen. Am Ende muss der DOSB als Herr des Verfahrens über eine Bewerbung entscheiden.

Rasche: Der Initiative Rhein Ruhr City 2032 ist etwas gelungen, was mich als Politiker begeistert: die Menschen mitzunehmen. 14 Städte mit unterschiedlichen politischen Mehrheiten unterstützen eine Idee, die noch in weiter Ferne ist. Bisher fehlt die Entscheidung des DOSB. Ich hoffe, dass die Potenziale dieser Bewerbung erkannt werden. Mit nachhaltigen Olympischen und Paralympischen Spielen, die von der Gesellschaft getragen werden, würde auch ein Zeichen für die Zukunftsfähigkeit der olympischen Idee gesetzt.

Welche Auswirkungen erwarten Sie von Olympischen und Paralympischen Spielen auf den Breitensport?

Rasche: Für einen jungen Menschen ist die Teilnahme an Olympischen Spielen ein Traum und ein Ziel, das beflügelt. Wenn Olympia vor der eigenen Haustür stattfindet, wird das Ziel greifbarer. Ich bin überzeugt, dass das Interesse von Jugendlichen gerade auch an den weniger bekannten Sportarten steigen würde. Aber auch von den Investitionen in Sportstätten profitiert der Breitensport – und das lange über die Olympischen Spiele hinaus.

Mronz: Das Wichtigste im Sport sind der Breitensport und das Ehrenamt als tragende Rolle in unserer Gesellschaft. Sie sind auch die Basis für erfolgreichen Spitzensport. Über fünf Millionen Mitglieder in 19.000 Sportvereinen in NRW sprechen eine klare Sprache. Nicht umsonst sind wir das Sportland Nummer 1 in Deutschland. Olympische und Paralympische Spiele können hier Enthusiasmus auslösen und die Kinder und Jugendlichen wieder zu mehr Bewegung und Lust am Sport ermutigen. Das Sommermärchen 2006 hat dahingehend gezeigt, welche Kraft im Sport und solchen Sportgroßereignissen steckt.

Können Sie uns schon sagen, wo die Athleten ihr Olympisches Dorf beziehen?

Mronz: Wir stehen dazu mit mehreren Kommunen in Kontakt, die Interesse angemeldet haben. Klar ist: Das Olympische Dorf muss aufgrund der Erreichbarkeit der Sportstätten geografisch zwischen Köln, Düsseldorf und Essen liegen und es stellt sich die Frage: Wo wird Wohnraum dringend benötigt? Die große Chance eines Olympischen Dorfs liegt dabei vor allem in seiner ökologisch und ökonomisch sinnvollen Nachnutzung: als Smart City der Zukunft. Wie sieht die letzte Meile aus, wie verhält es sich mit der CO2-Neutralität und wie sehen faire Arbeitsbedingungen aus? Dazu veranstalten wir Workshops mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Seit 2018 organisieren wir gemeinsam mit der RWTH Aachen und Professor Schuh jährlich den Kongress Metropolitan Cities MC2032 in Aachen als Think Tank für Entscheider aus allen relevanten Bereichen. Mit dem Ziel, Leitbilder und Lösungsansätze für Zukunftsthemen wie vernetze Mobilität und Digitalisierung oder den Einsatz Künstlicher Intelligenz umzusetzen. 

Wie bewerten Sie, dass vier Fraktionen – CDU, SPD, FDP und Grüne – sich im Landtag hinter der Idee versammelt haben?

Mronz: Solch ein Großprojekt verbunden mit den Chancen, die sich durch die Spiele für das Land NRW ergeben, kann nur funktionieren, wenn es einen parteiübergreifenden Konsens gibt, daher freuen wir uns sehr über die große Zustimmung im Landtag. Am Ende geht es um die Menschen in NRW. 

Rasche: Ich habe mich über diesen Schulterschluss sehr gefreut. In anderen Bundesländern hatte der Widerstand gegen Olympische Spiele auch eine parteipolitische Komponente. Es ist gut, dass das in NRW anders ist. Das liegt mit Sicherheit auch an dem Konzept, das Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Beteiligung der Menschen mitdenkt. Ich hoffe, dass die Opposition den Weg auch weiterhin positiv begleitet.

Was sind die nächsten Schritte, damit aus der Initiative eine Bewerbung wird?

Mronz: Wir werden weiter unsere Hausaufgaben machen und die offenen Fragen beantworten, den Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern intensivieren und uns mit der Politik und Sportpolitik austauschen. Der DOSB muss dann entscheiden, ob und mit wem Deutschland für welches Jahr ins Rennen gehen soll. Bis dahin gilt es auch, im weiteren Prozess eine Bürgerbefragung durchzuführen.

Ist durch die Debatte über Rhein Ruhr City 2032 das Olympische Gefühl in Deutschland wieder stärker entfacht?

Rasche: Mein Eindruck: ja. Nachdem die Debatte in NRW Fahrt aufgenommen hat, sprachen plötzlich auch wieder andere Bundesländer und Städte über Olympia-Bewerbungen. Auch wenn deren Konzepte lange nicht so ausdifferenziert waren. Außerdem bin ich überzeugt, dass die Menschen im Herzen olympiabegeistert sind. Sie wollen aber keine Gigantomanie. Das Problembewusstsein ist zu Recht gewachsen. Hier könnte Rhein Ruhr City als leuchtendes Beispiel eine Wende sein.

Mronz: Olympia hat schon immer eine große Begeisterung bei den Menschen weltweit ausgelöst. Nie waren die medialen Reichweiten so hoch wie heute. Biathlon in Pyeongchang 2018 haben mehr Menschen in Deutschland verfolgt als die Papstwahl. Uns geht es aber nicht um ein vierwöchiges Sportspektakel und Leuchtturmprojekt. Die Menschen sehen die Chancen, die sich durch ökologisch und ökonomisch nachhaltige Spiele an Rhein und Ruhr ergeben können. Auch die Paralympischen Wettbewerbe können hier ein toller Katalysator sein für ein stärkeres und vertrauteres Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung. Es wäre ein großartiges Signal, zumal das Internationale Paralympische Komitee in Bonn ab diesem Jahr in der alten Landesvertretung sitzt.

Blicken wir in die Zukunft. Das Olympische Feuer in Essen brennt. Bei welchen Wettkämpfen sitzen Sie auf der Tribüne?

Mronz: 2032 kann ich mir vorstellen, dass ein Teil der Eröffnungsfeier in den Kommunen an Rhein und Ruhr stattfindet und es werden sicherlich auch viele Leichtathletik-Wettbewerbe innerstädtisch stattfinden. Ganz Deutschland könnte gemeinsam mit Millionen Menschen aus aller Welt ein großes Fest des Sports feiern. 

Rasche: Schwimmwettkämpfe auf Schalke und Handballspiele würde ich mir nicht entgehen lassen. Auch die Eröffnungsfeier wäre ein besonderer Moment, den ich mit den Menschen an Rhein und Ruhr teilen möche. 

Wir danken Ihnen für das Gespräch.