Bundesweiter Aufschwung, Stillstand in NRW: Wo bleiben die Wachstumsimpulse von Schwarz-Grün
Die Bundesregierung hat am 8. Oktober 2026 ihre Herbstprojektion zur wirtschaftlichen Entwicklung vorgelegt. Danach wird für Deutschland im laufenden Jahr ein Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts von 1,3 Prozent erwartet. Gegenüber der Frühjahresprojektion wurde die Wachstumsprognose damit deutlich angehoben. Die deutsche Wirtschaft gewinnt offenbar wieder etwas an Dynamik, auch wenn sich in der Vergangenheit zeigte, dass positivere Projektionen eher unter- statt übertroffen wurden.
Die Entwicklung in Nordrhein-Westfalen bleibt dagegen deutlich hinter der bundesweiten Entwicklung zurück. Nach den jüngsten Ergebnissen des Statistischen Landesamtes ist die Wirtschaftsleistung in Nordrhein-Westfalen im ersten Halbjahr 2026 preisbereinigt lediglich um 0,3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen. Deutschlandweit betrug das Wachstum im gleichen Zeitraum 0,9 Prozent.
Auch der Vergleich mit anderen Ländern fällt ernüchternd aus. Hessen verzeichnete im ersten Halbjahr ein reales Wachstum von 1,8 Prozent, Schleswig-Holstein von 1,7 Prozent und Hamburg von 1,5 Prozent. In Baden-Württemberg und Brandenburg legte die Wirtschaftsleistung jeweils um 1,4 Prozent zu. Lediglich drei Länder (Saarland, Sachsen und Thüringen) entwickelten sich wirtschaftlich schwächer als Nordrhein-Westfalen.
Damit bleibt das wirtschaftlich größte Bundesland erneut deutlich hinter seinen Möglichkeiten zurück. Nach zwei Rezessionsjahren stieg die Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr lediglich um 0,3 Prozent. Während die preisbereinigte Bruttowertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe erneut zurückging, wurde das geringe Wachstum durch Zuwächse im Dienstleistungssektor getragen. Ein kraftvoller wirtschaftlicher Aufholprozess ist damit bislang ausgeblieben. Ausgerechnet das industrielle Herz Deutschlands wächst im ersten Halbjahr 2026 nur mit einem Drittel der bundesweiten Rate.
Zwar hat sich die Stimmung unter den nordrhein-westfälischen Unternehmen zuletzt aufgehellt. Das NRW.BANK.ifo-Geschäftsklima stieg im September zum dritten Mal in Folge, die Erwartungen der Unternehmen erreichten dabei den höchsten Stand seit mehr als vier Jahren. Diese Entwicklung ist erfreulich. Sie darf allerdings nicht mit einer bereits vollzogenen wirtschaftlichen Trendwende verwechselt werden. Die Bewertung der aktuellen Geschäftslage liegt weiterhin knapp unter der Nulllinie. Gerade im Verarbeitenden Gewerbe wurde die aktuelle Lage zuletzt sogar wieder etwas schlechter bewertet. Hinzu kommt der anhaltende Verlust von Industriearbeitsplätzen: Monatlich gehen rund 3.000 Industriearbeitsplätze in Nordrhein-Westfalen verloren. Und viele kleinere Unternehmen sterben einen leisen, unbemerkten Tod. Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in erreichte im ersten Halbjahr 2026 mit 3.428 betroffenen Unternehmen ein Zehn-Jahres-Hoch.
Nordrhein-Westfalen braucht deshalb jetzt Rahmenbedingungen, die aus besseren Erwartungen tatsächliche Investitionen, zusätzliche Wertschöpfung und neue Arbeitsplätze entstehen lassen. Die schwarz-grüne Landesregierung ist seit mehr als vier Jahren im Amt. In dieser Zeit wurden Wirtschaftsgipfel veranstaltet, Dialogprozesse begonnen, Strategien angekündigt und Impulspapiere vorgelegt. Im Juli 2025 bezeichnete Ministerpräsident Hendrik Wüst Nordrhein-Westfalen sogar als „Wachstumsmotor für ganz Europa“. Die tatsächliche wirtschaftliche Entwicklung wird diesem Anspruch allerdings weiterhin nicht gerecht. Nordrhein-Westfalen braucht keinen weiteren Impuls auf Papier, sondern messbare Wachstumsimpulse in der realen Wirtschaft.
Gerade bei den Rahmenbedingungen, die das Land selbst beeinflussen kann, besteht weiterhin erheblicher Handlungsbedarf. Unternehmen brauchen schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren, weniger Bürokratie, ausreichend Flächen für Investitionen und Erweiterungen, eine leistungsfähige Infrastruktur, eine moderne und digitale Verwaltung sowie verlässliche Rahmenbedingungen für Industrie, Mittelstand und Gründer. Private Investitionen müssen erleichtert und dürfen nicht durch zusätzliche landespolitische Belastungen erschwert werden. Die Landesregierung muss die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Nordrhein-Westfalens Wirtschaft stärker von der bundesweiten Erholung profitiert und ihre strukturelle Wachstumsschwäche überwindet.
Der Blick auf die Ursachen der bundesweiten Erholung zeigt zugleich, dass bessere Investitionsbedingungen nicht nur auf Landes-, sondern auch auf Bundesebene erforderlich sind: Neben den wieder leicht anziehenden Exporten wird das derzeitige Wachstum in Deutschland nämlich insbesondere durch öffentliche Investitionen in Infrastruktur, Sicherheit und Verteidigung getragen. Für ein dauerhaft selbsttragendes Wachstum sind jedoch stärkere private Investitionen erforderlich. Eine am 7. Oktober 2026 veröffentlichte Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt, wie groß der Handlungsbedarf ist: Während die realen öffentlichen Investitionen zuletzt mehr als 20 Prozent über dem Jahresdurchschnitt von 2019 lagen, unterschritten die privatwirtschaftlichen Investitionen dieses Niveau um mehr als zehn Prozent. Im Durchschnitt der vergangenen sechs Jahre hat der private Sektor nach Berechnungen des IW in der Summe nichts zum Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts beigetragen. Der positive Wachstumsbeitrag entfiel rechnerisch allein auf den staatlichen Sektor. Diese fatale Entwicklung ist ein Warnsignal für die Landesregierung ebenso wie für die Bundesregierung. Öffentliche Investitionen durch einen immer fetter werdenden Staat können eine anhaltende Schwäche privater Investitionen nicht dauerhaft ersetzen. Nordrhein-Westfalen muss deshalb nicht nur seine eigenen Standortbedingungen verbessern, sondern auch im Bundesrat auf umfassende Wirtschaftsreformen drängen, die private Investitionen in Deutschland wieder attraktiver machen.
Vor dem Hintergrund der am 8. Oktober 2026 vorgelegten Herbstprojektion der Bundesregierung, der deutlich unterdurchschnittlichen wirtschaftlichen Entwicklung Nordrhein-Westfalens sowie der anhaltenden Schwäche privater Investitionen in der Bundesrepublik besteht dringender parlamentarischer Beratungsbedarf. Der Landtag Nordrhein-Westfalen muss sich daher im Rahmen einer Aktuellen Stunde mit der wirtschaftlichen Lage Nordrhein-Westfalens, dem deutlichen Abstand zur bundesweiten Entwicklung und den notwendigen Wachstumsimpulsen der Landesregierung befassen. In dieser muss die Landesregierung erklären, warum sich die bundesweite wirtschaftliche Erholung bislang nur unterdurchschnittlich in Nordrhein-Westfalen niederschlägt. Insbesondere muss die Landesregierung darlegen, welche konkreten Maßnahmen sie kurzfristig ergreifen will, um private Investitionen zu mobilisieren, die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes zu verbessern und Nordrhein-Westfalen wieder auf einen überdurchschnittlichen Wachstumspfad zu führen.