„Finanzen verstehen heißt frei sein.“ Für finanzielle Kompetenz in jeder Lebenslage: Jetzt Finanzbildungsstrategie für Nordrhein-Westfalen entwickeln und umsetzen

I. Ausgangslage

Im Laufe des Lebens wird jeder Mensch mit verschiedensten Fragen rund um seine persönlichen Finanzen konfrontiert – sei es bei der ersten Steuererklärung, der Auswahl sinnvoller Versicherungen, der Anlage von Erspartem oder im Zusammenhang mit der Altersvorsorge. In einigen Fällen wird das entsprechende Rüstzeug zum kompetenten Umgang mit Geld bereits in jungen Jahren von dem Elternhaus mit auf den Weg gegeben. Das kann allerdings nicht standardmäßig vorausgesetzt werden. Doch nur wer über die notwendigen Finanzkenntnisse verfügt, kann die eigene Zukunft selbstbestimmt und mit einem Gefühl von finanzieller Freiheit und Sicherheit gestalten.

Internationale Studien zeigen, dass Deutschland beim Finanzkompetenzniveau zwar im Durchschnitt gut abschneidet, gleichzeitig jedoch erhebliche strukturelle Defizite bestehen. Erwachsene Deutsche erreichen im internationalen Durchschnitt 76 von 100 möglichen Punkten, wobei insbesondere in den Bereichen finanzielle Resilienz und finanzielle Einstellungen deutliche Schwächen sichtbar werden. Es bestehen außerdem beachtliche Unterschiede zwischen Einkommens-, Bildungs- und Altersgruppen sowie zwischen Männern und Frauen. Auch eine aktuelle repräsentative Umfrage des Bankenverbands belegt, dass in der deutschen Bevölkerung zwar durchaus Interesse an Finanz- und Wirtschaftsthemen besteht, das eigene Engagement bei der persönlichen Finanzplanung jedoch auf einem niedrigen Niveau verharrt. Zudem zeigen empirische Untersuchungen einen klaren Zusammenhang zwischen mangelnder Finanzkompetenz und der Wahrscheinlichkeit, finanziell in Schieflagen zu geraten. Personen mit geringerer Finanzbildung treffen häufiger kostenintensive Fehlentscheidungen und weisen eine höhere Anfälligkeit für Überschuldung auf.

Vor diesem Hintergrund haben das Bundesministerium der Finanzen und das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Jahr 2023 die „Initiative Finanzielle Bildung“ gestartet. Ziel war es, bislang fragmentierte Aktivitäten zu bündeln, eine nationale Strategie zu entwickeln und die Finanzbildung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe systematisch zu stärken. Auf dieser Grundlage wurde ein Vorschlag der OECD für eine nationale Finanzbildungsstrategie entgegengenommen. Von der schwarz-roten Bundesregierung wird diese wichtige Initiative allerdings bis dato nicht weiterverfolgt, obwohl sich auch die Finanzministerkonferenz der Länder erst kürzlich für eine solche nationale Strategie aussprach und die Bedeutung einer abgestimmten Vorgehensweise zwischen Bund und Ländern betonte. Es wiegt schwer, dass die Initiative aus dem Jahr 2023 nicht konsequent fortgeführt wird und das größte Bundesland Nordrhein-Westfalen bislang keine aktive Rolle bei der Weiterentwicklung einer solchen Strategie einnimmt. Die Antwort der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage 7254 der FDP-Landtagsfraktion zeigt vielmehr, dass eigene Initiativen auf Bundesratsebene nicht ergriffen werden, sondern der Prozess, also die Frage, ob es auf Bundesebene zu einer Wiederaufnahme der Aktivitäten aus der vergangenen Legislaturperiode kommen könnte, lediglich „beobachtet“ wird.

Auf Landesebene beschränken sich die Aktivitäten im Themenfeld finanzielle Bildung auf einzelne Projekte und Maßnahmen ohne übergreifende strategische Steuerung. Systematische Evaluationen und belastbare Datengrundlagen fehlen. Damit bleibt Nordrhein-Westfalen deutlich hinter dem Anspruch zurück, Finanzbildung als gesamtgesellschaftliche Zukunftsaufgabe wirksam zu stärken.

II. Handlungsbedarf

Der Bedarf an fundiertem Wissen rund um das Thema Finanzen steigt: Aufgrund fehlender Reformen im Rentensystem gewinnt die private Altersvorsorge an Bedeutung, digitale Finanzprodukte wie „buy now, pay later“ verleiten dazu, unüberlegte Konsumentscheidungen zu treffen und gleichzeitig ist die Geldanlage am Aktienmarkt durch die Etablierung von Neobrokern und diversen ETF-Produkten so einfach und niedrigschwellig wie noch nie. Kapitalmarktteilnehmer müssen damit keine individuelle Anlageentscheidung mehr über Einzeltitel treffen, sondern können in einen weltweit breit gestreuten Index investieren. Ein Warnsignal ist die steigende Verbraucherverschuldung: Vor allem junge Menschen sind laut SchuldnerAtlas 2025 häufiger überschuldet. Hinzu kommen ein angespanntes konjunkturelles Umfeld, ein dynamisches Inflationsgeschehen und volatile Kapitalmärkte, die kompetente finanzielle Entscheidungen noch wichtiger machen.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht länger ausreichend, Finanzbildung nur punktuell projektbezogen zu vermitteln. Vielmehr bedarf es eines systematischen Ansatzes, der alle gesellschaftlichen Gruppen erreicht und Finanzkompetenz als lebenslange Schlüsselqualifikation versteht: Nordrhein-Westfalen muss bundesweit eine Vorreiterrolle im Bereich der Finanzbildung einnehmen und – in Ermangelung bundespolitischer Initiative – eine eigene Finanzbildungsstrategie entwickeln, die als Blaupause für die übrigen Bundesländer dienen soll. Die Landesregierung muss Finanzbildung als eigenständiges politisches Handlungsfeld definieren und ressortübergreifend steuern. Die bereits angestoßene Initiative zur Umsetzung einer nationalen Finanzbildungsstrategie bietet hierfür eine geeignete Grundlage, an die es anzuknüpfen gilt.

Finanzbildung kann nur dann Wirkung entfalten, wenn sie praxisnah, niedrigschwellig und von unabhängigen Akteuren vermittelt wird. Hierfür sollte eine koordinierte Zusammenarbeit mit Partnern aus den Bereichen Schule, Hochschule, Wissenschaft und Weiterbildung, der Verbraucherbildung und Schuldnerberatung sowie Finanzwirtschaft etabliert werden. Es muss sichergestellt werden, dass entsprechende Angebote hohen qualitativen Ansprüchen genügen, transparent und frei von Interessenkonflikten sind. Nur durch ein ganzheitliches und koordiniertes strategisches Vorgehen kann es gelingen, Finanzbildung in Nordrhein-Westfalen nachhaltig zu stärken und den Bürgerinnen und Bürgern die notwendigen Kompetenzen für ein selbstbestimmtes, unabhängiges und wirtschaftlich sicheres Leben zu vermitteln.

Ein wesentlicher Bestandteil einer umfassenden Finanzbildungsstrategie muss die Stärkung des Bewusstseins für die Wichtigkeit der privaten, selbstgesteuerten und kapitalgedeckten Altersvorsorge sein. Eine breite Beteiligung der Bevölkerung am Kapitalmarkt ist nicht nur im individuellen Interesse, sondern reduziert auch gesamtvolkswirtschaftlich betrachtet die Abhängigkeit von staatlichen Leistungen. Deutschland muss sich zu einem Land der Anleger entwickeln und den Status als „Sparbuch-Nation“ überwinden. In den vergangenen Jahren zeigte sich erfreulicherweise bereits ein Aufschwung bei der Beteiligung am Aktienmarkt in Deutschland.

Insbesondere im schulischen Bereich besteht erheblicher Handlungsbedarf. Viele junge Menschen verlassen das Bildungssystem, ohne über grundlegende Kenntnisse in zentralen Finanzfragen zu verfügen. Es bedarf daher neuer Formate, die Kinder und Jugendliche gezielt auf die finanziellen Herausforderungen des Alltags vorbereiten und ihnen konkrete Handlungskompetenzen vermitteln. Ziel muss es sein, dass junge Menschen nach Abschluss ihrer Schulzeit eigenständig fundierte finanzielle Entscheidungen treffen können und dieses Wissen auch in ihr persönliches Umfeld tragen.

III. Beschlussfassung

Der Landtag beauftragt die Landesregierung,

  • eine verbindliche und ressortübergreifende Finanzbildungsstrategie für Nordrhein-Westfalen unter Einbindung relevanter Akteure – insbesondere aus den Bereichen Kita, Schule, Hochschule und Wissenschaft, Weiterbildung, Verbraucherbildung, Schuldnerberatung und Finanzwirtschaft – zu entwickeln, um die Finanzkompetenz der nordrhein-westfälischen Bürgerinnen und Bürger in allen Lebensphasen und unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Einkommen und Bildungsstand nachhaltig zu stärken.
  • Kinder bereits im Vorschulalter altersgerecht an grundlegende Zusammenhänge rund um Geld, Konsum und Sparen heranzuführen.
     
  • Schülerinnen und Schülern in der Grundschule einen verantwortungsvollen Umgang mit Taschengeld, Konsumentscheidungen und einfachen finanziellen Zusammenhängen zu vermitteln.
  • sicherzustellen, dass kein junger Mensch die Schule verlässt, ohne über die Risiken von Konsumschulden, digitalen Bezahlmodellen wie „Buy now, pay later“ sowie über die Folgen von Überschuldung aufgeklärt worden zu sein.
     
  • allen Schülerinnen und Schülern grundlegende Kenntnisse über Steuern, Sozialabgaben, Girokonten, Verträge, Versicherungen sowie über Chancen und Risiken privater Geldanlage und des Kapitalmarkts zu vermitteln.
  • Auszubildende, Studentinnen und Studenten und junge Erwachsene zu befähigen, eigenständig finanzielle Entscheidungen zu treffen, insbesondere im Hinblick auf Mietverträge, Versicherungen, Haushaltsplanung, Sparen, Altersvorsorge Wohneigentum und langfristigen Vermögensaufbau.
     
  • insbesondere junge Erwachsene dafür zu sensibilisieren, finanzielle Eigenständigkeit und Unabhängigkeit auch innerhalb von Partnerschaften und familiären Strukturen zu bewahren.
     
  • Bürgerinnen und Bürger vor allem in der Phase der Familiengründung und im mittleren Erwerbsalter gezielt über private Altersvorsorge, langfristigen Vermögensaufbau und generationengerechte finanzielle Planung zu informieren.
     
  • die Finanzkompetenz von Menschen auch in ihrer Lebensmitte zu stärken, insbesondere im Hinblick auf Altersvorsorge, digitale Finanzangebote, Betrugsprävention sowie finanzielle Selbstbestimmung im Alter.
  • Rentnerinnen und Rentnern ausreichende Informationen bei Entnahmeplanung, Pflege, Erben und finanzieller Absicherung anzubieten.
     
  • insgesamt eine stärkere Beteiligung breiter Bevölkerungsschichten am Kapitalmarkt und eine Kultur eigenverantwortlicher Vermögensbildung zu ermöglichen - insbesondere durch den Verzicht auf zusätzliche steuerliche oder sozialabgabenbedingte Belastungen von Kapitalerträgen, die den Aufbau privaten Vermögens erschweren.
     
  • sich gegenüber der Bundesregierung für die Fortschreibung und Umsetzung der „Initiative Finanzielle Bildung“ einzusetzen.