Neuer PISA-Schock trifft NRW-Schulsystem – Schwarz-Grün hat viereinhalb Jahre nicht nutzen können, Verbesserungen zu erzielen
I. Ausgangslage
Die Ergebnisse der PISA-Studie 2025 sind ein erneuter und besonders eindringlicher Denkzettel für die deutsche Bildungspolitik. In den zentralen Kompetenzbereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften setzt sich der seit Jahren erkennbare Abwärtstrend fort. Deutschland hat frühere Leistungsabstände gegenüber anderen erfolgreichen Bildungssystemen weitgehend eingebüßt und bewegt sich inzwischen in mehreren Bereichen mittlerweile nur noch im internationalen Mittelfeld. Noch nie waren die Kompetenzwerte so schlecht.
Besonders alarmierend ist die wachsende Gruppe von Jugendlichen, die selbst grundlegende Kompetenzniveaus nicht mehr sicher erreicht. In Lesen und Mathematik betrifft dies inzwischen etwa ein Drittel der 15-Jährigen. Damit verlässt ein erheblicher Teil der Jugendlichen die Pflichtschulzeit mit Voraussetzungen, die für Ausbildung, Beruf, Studium und eine eigenständige Lebensführung nicht ausreichen.
PISA ist keine reine Schulleistungsstudie. Sie untersucht vor allem, ob Jugendliche Wissen anwenden, Probleme lösen, Informationen einordnen und begründete Entscheidungen treffen können. Genau diese Fähigkeiten sind in einer zunehmend komplexen, digitalen und von künstlicher Intelligenz geprägten Welt unverzichtbar. Wer Texte nicht sicher erschließen, mathematische Zusammenhänge nicht anwenden oder Informationen nicht zuverlässig von Meinung, Werbung oder Desinformation unterscheiden kann, hat erhebliche Nachteile für das gesamte weitere Leben. Der Befund ist deshalb nicht ausschließlich ein schulpolitisches Problem. Er betrifft die Fähigkeit junger Menschen, selbstbestimmt zu handeln, Verantwortung zu übernehmen und aktiv an Gesellschaft, Wirtschaft und Demokratie teilzuhaben.
Der gestiegene Anteil zugewanderter Schülerinnen und Schüler erhöht die Anforderungen an das deutsche Bildungssystem deutlich. PISA 2025 zeigt erhebliche Kompetenzrückstände insbesondere bei selbst zugewanderten Jugendlichen und bei spätem Zuzug. Die Ergebnisse zeigen aber ebenso deutlich, dass diese Rückstände nicht allein auf Zuwanderung zurückzuführen sind. Entscheidend sind des Weiteren die soziale Lage, der Erwerb der deutschen Unterrichtssprache und die Dauer des Schulbesuchs in Deutschland.
Nüchtern muss konstatiert werden: Das Aufstiegsversprechen funktioniert in unserem Land nicht mehr. Bildung muss Aufstiegschancen für kluge Kinder schaffen – das wird in Deutschland und in Nordrhein-Westfalen allerdings viel zu wenig eingelöst. Ziel muss sein: Nicht das Elternhaus, sondern Talent, Fleiß und Leistungsbereitschaft müssen über Bildungschancen entscheiden.
Schwarz-Grün hat viereinhalb Jahre nicht nutzen können, Verbesserungen zu erzielen. Seit Regierungsübernahme im Jahr 2022 mangelt es an konsequentem und durchdachtem Regierungshandeln für eine Bildungspolitik von der frühen Kindheit bis hin zur beruflichen und akademischen Bildung.
Nicht nur, aber auch in der NRW-Schulpolitik steht aktuell wenig das Verständnis eines schlanken Staats im Vordergrund, der sich auf seine Kernaufgaben konzentriert und diese dafür verlässlich erfüllt. Bildung ist eine solche (staatliche) Kernaufgabe – vielleicht die wichtigste überhaupt. Sie darf deshalb kein unverbindliches Versprechen und kein politisches Wahlprogramm bleiben, sondern muss für jedes Kind tatsächlich gewährleistet sein und zu nachweisbaren Bildungserfolgen führen. Die Landesregierung ist in der Verantwortung, allen Kindern früh die Lernvoraussetzungen zu gewährleisten, die sie für einen erfolgreichen Bildungsweg brauchen. Entscheidend ist, dass notwendige Förderung die Kinder und Jugendlichen auch tatsächlich erreicht. Das gilt insbesondere für die Sprachkompetenz.
Deshalb braucht Nordrhein-Westfalen neben einer verbindlichen frühen Sprachförderung in der Kita ein Schulfähigkeitsjahr für frisch eingeschulte Kinder, die noch zusätzliche gezielte Förderung benötigen, um dem Unterricht folgen zu können. Auch eine gezielte Sommerschule kann älteren Kindern und Jugendliche helfen, die noch nicht über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen. Ferienzeiten müssen dort, wo erhebliche Sprachdefizite bestehen, gezielt für intensive Förderung genutzt werden. Für Schülerinnen und Schüler, denen sprachliche Grundlagen fehlen, darf die Ferienzeit keinen Rückschritt bedeuten, sondern muss als zusätzliche Chance genutzt werden.
Auch gegenüber Eltern muss klar sein: Das Recht des Kindes auf Bildung steht im Mittelpunkt. Wo Förderung notwendig ist, muss sie frühzeitig, verbindlich und konsequent erfolgen. Ein leistungsfähiger Staat zeigt sich nicht daran, wie viele Programme er auflegt, sondern daran, ob er bei seinen wichtigsten Aufgaben wirksame Ergebnisse erzielt. In der Bildung bedeutet das: Kinder müssen am Ende besser lesen, schreiben, rechnen und verstehen können.
Die frühkindliche Bildung muss dabei wesentlich stärker in den Mittelpunkt rücken. Viele entscheidende Lernvoraussetzungen entstehen lange vor dem ersten Schultag. Doch statt die Kita-Qualität zu stärken und die Förderung dort verbindlicher zu machen, setzt die Landesregierung mit ihren ABC-Klassen auf eine zusätzliche Parallelstruktur mit teuren Beförderungskosten für Busse und Taxis, die besser direkt in Bildung investiert wären. Das ist symptomatisch für eine Politik, in der Kinder-, Familien- und Jugendpolitik auf der einen und Schulpolitik auf der anderen Seite zu häufig nebeneinander statt miteinander arbeiten. Sprachförderung muss verbindlich, hochwertig und möglichst früh im vertrauten Umfeld der Kindertagesbetreuung stattfinden.
Auch das Potenzial des Ganztags nutzt die schwarz-grüne Landesregierung nicht. Ein hochwertiger Ganztag könnte zusätzliche Lernzeit schaffen, individuelle Förderung ermöglichen und Kindern Chancen bieten, die zu Hause weniger Unterstützung erfahren. Dafür braucht es jedoch verbindliche Qualitätsstandards, qualifiziertes Personal und eine stärkere pädagogische Ausrichtung. Schwarz-Grün lässt diesen Hebel bislang weitgehend ungenutzt.
Zur notwendigen bildungspolitischen Antwort gehört zugleich ein klares Bekenntnis zu Leistung. Leistungsgerechtigkeit bedeutet, jedes Kind entsprechend seinen Fähigkeiten zu fördern und zu fordern. Schulen müssen Schülerinnen und Schüler mit besonderem Unterstützungsbedarf ebenso gezielt fördern wie leistungsstarke junge Menschen zu Höchstleistungen ermutigen.
Sinkende Anforderungen oder neue Schulstrukturdebatten lösen kein Kompetenzproblem. Nordrhein-Westfalen braucht ein leistungsfähiges, vielfältiges und gegliedertes Schulsystem, das unterschiedliche Bildungswege eröffnet, Durchlässigkeit gewährleistet und individuelle Begabungen ernst nimmt. Strukturpolitische Experimente wie eine Ausweitung des PRIMUS-Ansatzes lenken von der eigentlichen Aufgabe ab: Unterrichtsqualität, Basiskompetenzen und individuelle Förderung zu verbessern.
Besondere Verantwortung besteht schließlich gegenüber den Jugendlichen, die heute bereits kurz vor dem Übergang in Ausbildung und Beruf stehen. Wer mit 15 Jahren erhebliche Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben oder Rechnen hat, darf nicht als „verlorene Generation“ abgeschrieben werden. Diese jungen Menschen brauchen kurzfristig zusätzliche, intensive Förderangebote. Dazu gehören Sommerschulangebote in den Ferien, die gezielt Basiskompetenzen stärken und den Übergang in Ausbildung und Beruf vorbereiten. Österreich macht vor, wie ein solches Modell funktionieren kann. Mit dem Ferien-Intensivtraining „FIT in Deutsch“ gibt es auch in Nordrhein-Westfalen bereits entsprechende Strukturen, die deutlich ausgebaut und verbindlich gemacht werden müssen.
Nordrhein-Westfalen braucht keinen weiteren bildungspolitischen Aktionismus und keine neue Schulstrukturdebatte. Es braucht eine verlässliche Bildungskette von der Kita bis zum Beruf, einen klaren Fokus auf Basiskompetenzen, verbindliche Förderung und eine neue Kultur der Leistungsfreude in der Gesellschaft. Beste Bildung ist die wichtigste Voraussetzung für individuelle Freiheit, gesellschaftliche Teilhabe und sozialen Aufstieg. Ministerpräsident Hendrik Wüst muss endlich sein Versprechen einlösen und Bildung zur obersten Priorität machen.
II. Beschlussfassung
Der Landtag stellt fest:
- Die Ergebnisse von PISA 2025 bestätigen einen seit Jahren erkennbaren und besorgniserregenden Rückgang grundlegender Kompetenzen junger Menschen.
- Besonders problematisch ist die wachsende Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die nicht über ausreichende Basiskompetenzen verfügt und dadurch in ihrem weiteren Bildungsweg erheblich eingeschränkt wird.
- Ausreichende Sprachkompetenz ist die entscheidende Voraussetzung für erfolgreichen Unterricht, gesellschaftliche Teilhabe und sozialen Aufstieg. Bildung ist eine zentrale Kernaufgabe des Staates und muss verlässlich zu besseren Bildungsergebnissen führen.
- Förderbedarfe müssen früh erkannt und notwendige Förderung verbindlich wahrgenommen werden.
- Die Landesregierung hat es versäumt, frühkindliche Bildung, Schule und Ganztag zu einer durchgängigen Bildungsstrategie zu verbinden.
Der Landtag beauftragt die Landesregierung,
- Leistungsgerechtigkeit wieder zum Maßstab der Bildungspolitik zu machen und Schülerinnen und Schüler konsequent nach ihren individuellen Fähigkeiten zu fördern und zu fordern;
- sich klar zum gegliederten Schulsystem in Nordrhein-Westfalen zu bekennen und schulstrukturelle Experimente zu beenden, die Ressourcen binden, ohne die drängenden Kompetenzprobleme zu lösen;
- auf eine Ausweitung des PRIMUS-Modells zu verzichten und stattdessen Unterrichtsqualität, Basiskompetenzen und individuelle Förderung in den bestehenden Schulformen zu stärken;
- die von der Landesregierung kürzlich beschlossenen ABC-Klassen nicht als neues Parallelsystem einzuführen, sondern die frühkindliche Sprachförderung dort verbindlich und wirksam zu organisieren, wo sie hingehört: in starken Kitas und in einer durchgängigen Bildungskette vor dem Schuleintritt;
- landesweite Sommerschulangebote aufzubauen, die insbesondere Kindern und Jugendlichen mit unzureichenden Sprachkenntnissen und Defiziten bei den Basiskompetenzen verbindlich intensive zusätzliche Lernzeit für zwei Wochen in den Ferien ermöglichen; ein ähnliches Angebot soll für Jugendliche geschaffen werden, um sie gezielt auf den Übergang nach der zehnten Klasse vorzubereiten.
- die Kindertageseinrichtungen endlich als zentrale Bildungsorte ernst zu nehmen und Bildung von Beginn an durch verbindliche Qualitätsstandards, gezielte Sprachförderung und eine engere Verzahnung mit dem Schulsystem abzusichern;
- das Versprechen von Ministerpräsident Hendrik Wüst, Bildung habe für ihn Priorität, endlich einzulösen.